Zero Waste

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Zero Waste Dem Müll eine Abfuhr erteilen

Jede Geschichte hat irgendwann ihren Anfang genommen – auch jene der Umweltaktivistin und Zero-Waste-Pionierin Bea Johnson. Die gebürtige Französin führte das, was man hinlänglich den amerikanischen Traum nennt: ein 280 Quadratmeter grosses Haus, zwei Autos, begehbare Kleiderschränke, Koi-Fischteich und wöchentlich eine 240-Liter-Tonne voller Müll obendrauf. Finanzielle Probleme? Kein Thema. Wie Johnson in ihrem Bestseller «Zero Waste Home – Glücklich leben ohne Müll» schonungslos ehrlich zugibt, zog das Leben lange Zeit ohne Anstrengungen vorbei und spendierte ihr alle Annehmlichkeiten der modernen Welt. Nach Jahren der gesättigten Sesshaftigkeit in Kalifornien kam jedoch die erschreckende Erkenntnis: Ihr Mann und sie hatten zu viel Wert auf materielle Dinge gelegt. Ein Schock, der zugleich eine Trendwende auslöste. Bea und ihr Mann Scott zogen den Konsumstecker und entsagten nicht nur gedankenlosen Alltagsentscheidungen, sondern auch 80 Prozent ihres Besitzes. Der Wendepunkt ging mit einem aktiven «Nachhaltigkeitsmantra» aus fünf Säulen einher: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot – ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln, verrotten. Diese fünf Säulen machten aus dem Haus der Johnsons ein Zero Waste Home.

Würde es Ihnen gelingen, den Müll von einem Jahr in ein Einmachglas zu füllen?

Schweiz beim Müll (fast) Spitze

Von «Zero Waste» und auch «Minimal Waste» ist die Schweiz weit entfernt. Pro Person und Jahr produzieren wir gemäss Bundesamt für Umwelt (BAFU) mehr als 700 Kilogramm Siedlungsabfall und lassen über 100 Kilogramm einwandfreie Lebensmittel vergammeln. Weltweit liegen nur noch Dänemark, Norwegen, die USA und Neuseeland vor uns. Einwegverpackungen machen etwa einen Drittel dieses Mülls aus. Damit man sich unter diesem Müllberg etwas vorstellen kann, hier eine Überschlagsrechnung: Eine Person füllt in unserem Land gut zwanzig 35-Liter-Müllsäcke pro Jahr. Würden die Müllsäcke aller Einwohnerinnen und Einwohner aneinandergereiht, ergäbe sich eine Müllsackschlange von rund 93 300 Kilometern Länge. Wir könnten mit unserem Hausmüll die Erde am Äquator also mehr als zweimal umwickeln. Besonders bedauernswert ist, dass oft auch weggeworfen wird, wovon andere noch hätten satt werden können: Ganze 15 Prozent des Schweizer Mülls machen unverdorbene Lebensmittel aus. Ein weiteres Müll-Sorgenkind ist die Entsorgung von Schrott. Viele Bürgerinnen und Bürger schauen aufs Geld, wenn sie ihre Altgeräte loswerden wollen. Wenn der Gang zum Recycling-Hof zu teuer ist, landen sie einfach im Alltagsmüll.

Ein Erfolgsmodell dagegen ist das Entsorgen von PET-Flaschen. Diese werden hierzulande im Vergleich zu anderen Ländern sehr fleissig gesammelt und wiederverwertet. Ist die Schweiz also Recycling-Weltmeisterin? Gut möglich. Gemäss Bundesamt für Umwelt (BAFU) wird unter dem Strich die Hälfte unseres Hausmülls wiederverwertet. Recycling ist grundsätzlich eine gute Sache, setzt aber voraus, dass wir unseren Müll richtig trennen und entsorgen. Allerdings verbraucht die Aufbereitung von Wertstoffen noch immer viel Energie, jedoch erheblich weniger als die Neugewinnung. Ein Schritt in die richtige Richtung also.

Das Zero-Waste-Prinzip

Zero Waste ist an sich nichts Neues. Der Ursprung des Begriffs stammt aus der Industrie und ist Teil der in den Neunzigerjahren entwickelten Theorie der Kreislaufwirtschaft. Konkret handelt es sich um ein sogenanntes regeneratives System, in dem Ressourcenverbrauch, Abfallproduktion, Emissionen und Energieaufwand minimiert werden. Voraussetzungen dafür sind eine langlebige Konstruktion, Reparaturmöglichkeiten und die Option der Wieder- und Weiterverwendung von Produkten.

Die heutige Zero-Waste-Bewegung will mit verantwortungsvollem Handeln vorausgehen. Es geht ihr vor allem darum, langfristig klüger zu konsumieren und die eigenen Bedürfnisse zu hinterfragen. Es ist also kein primäres Ziel, auf alles zu verzichten. Genau hier kommen die «5 R» ins Spiel: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot (auf Deutsch: ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln, verrotten).

  • Refuse: Einen grossen Teil des Mülls können wir vermeiden, indem wir Verpacktes und Überflüssiges ablehnen, denn je weniger konsumiert wird, desto weniger muss produziert und später entsorgt werden. Deshalb: Finger weg von Einwegverpackungen.
  • Reduce: Indem wir ungeliebte und ungenutzte Dinge weitergeben, statt sie zu entsorgen, können wir den Müll im Haushalt reduzieren. So muss weniger neu produziert werden und Ressourcen werden geschont.
  • Reuse:  Warum Dinge nicht Wiederverwenden und Reparieren? Denn klar ist: Einwegprodukte sind vor allem für die Wirtschaft gut, nicht aber für unser Portemonnaie und schon gar nicht für die Umwelt. Produkte, die im Idealfall jahrelang genutzt werden, sind per se nicht nur langlebiger, sondern auch nachhaltiger.
  • Recycle: Alles, was trotz ablehnen, reduzieren und wiederverwenden noch an Müll anfällt, soll recycelt werden. Zwar verschlingt auch der Recycling-Prozess teure Ressourcen, aber zumindest nicht so viele wie eine Neuproduktion. Warum also Einwegplastikflaschen statt PET? Warum nicht eine Zahnbürste aus Bambusholz statt eine aus Plastik?
  • Rot: Der letzte Punkt der «5 R» bezieht sich aufs Kompostieren. So wird zum Beispiel aus Küchenabfällen hochwertiger Dünger, den man zu Hause direkt für seine Pflanzen im Garten oder auf der Fensterbank verwenden kann. Dadurch muss auch kein Müll durch die Gegend gefahren und aufwändig aufgearbeitet werden.
Die fünf Säulen von Zero Waste: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot – ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln, verrotten
Die fünf Säulen von Zero Waste: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot – ablehnen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln, verrotten

In kleinen Schritten zu weniger Müll

Die «5 R» der Zero-Waste-Bewegung bieten Ideen und ermutigen dazu, sich mit dem eigenen Konsumverhalten auseinanderzusetzen. Ob ein Leben gänzlich ohne Müll tatsächlich möglich ist, scheint zweifelhaft. Denn selbst wer jährlich nur ein Einmachglas voller Abfall produziert, verbraucht Ressourcen. Diese sind bei einem Kleidungsstück, einer Flugreise oder einem neuen Computer auf den ersten Blick vielleicht weniger ersichtlich als bei einer Plastikverpackung, aber mindestens so relevant. Da uns die Folgen dieses Ressourcenverbrauchs im ersten Moment nicht persönlich betreffen, sind sie allerdings relativ leicht auszublenden. Aber: Wie in vielen anderen Lebensbereichen auch können wir mit kleinen Schritten bewirken, dass es der Umwelt – und damit auch uns selbst – bessergeht. Hier ein paar Tipps:

  • Das Auge schärfen: Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wie viel Abfall wir täglich produzieren. Warum nicht bei der Verpackung beginnen und offene statt verpackte Produkte kaufen und bewusst darauf achten, was man in die Hand nimmt?
  • Eine Frage des Geschmacks: Warum beim Kauf von Lebensmitteln wie Wurst und Käse nicht den eigenen Behälter mit in den Laden nehmen, statt die Sachen einpacken zu lassen? Auch das Znünibrot benötigt weder Alu- noch Frischhaltefolie, sondern ist auch in einer Znüni-Box hygienisch und gut aufgehoben.
  • Plastiksäcken einen Korb geben: Warum zum Einkaufen nicht eine Stofftasche oder einen Rucksack mitnehmen? Die Frage an der Kasse «Könnten Sie mir noch eine Tasche geben?» erübrigt sich damit.
  • Der Griff zur Flasche: Warum nicht PET- oder Glasflaschen verwenden, die sich recyceln lassen, statt zu Einwegplastikflaschen zu greifen? 
  • Lieber nah statt fern: Immer mehr Landwirtschaftsbetriebe vermarkten ihre Erzeugnisse direkt ab Hof und nehmen Verpackungen für Milchprodukte, Säfte, Konfitüre, Fleisch und Brot in der Regel gerne wieder zurück. Auch auf Wochenmärkten werden Obst, Gemüse und andere feine Sachen ohne aufwändige Verpackung angeboten.
  • Alles hat zwei Seiten: Warum ein Blatt Papier nur einseitig beschreiben? Auch die Rückseite bietet Platz und vermindert den Abfallberg.

In diesem Sinne: Der Abfalleimer ist tot – es lebe Zero Waste! Schritt für Schritt.

Was wird gelittert? 34% Essverpackungen, 24% Zeitungen und Drucksachen, 20% Diverses (inkl. Zigarettenstummel), 17% Getränkeverpackungen, 5% Tragtaschen.

359 Millionen Tonnen

Kunststoff wurden 2018 hergestellt. Von der globalen Kunststoffproduktion wird etwas mehr als ein Drittel für Verpackungen verwendet. Diese werden meist nach einmaligem Gebrauch weggeworfen. Die Schweiz verursacht einen im Vergleich zu den Nachbarländern viel höheren Abfallberg aus Plastik – etwa 100 Kilogramm Plastikabfälle pro Kopf fallen hierzulande jährlich an. Dies ist rund dreimal so viel wie der europäische Durchschnitt.

(Quelle: Plastics Europe)

95 Prozent

der Schweizer Bevölkerung sind bereit, beim Kauf von Konsumgütern Mehrwegsysteme zu berücksichtigen. Je nach Produktgruppe ist die Bereitschaft, Mehrwegbehälter zu verwenden, unterschiedlich hoch: Über 90 Prozent würden Gemüse und Früchte in Mehrwegverpackungen kaufen. Bei Nüssen, Müesli und Trockenfrüchten sind es immer noch drei von vier Personen. Auch Getränke würden ähnlich viele Leute in Mehrwegflaschen kaufen.

(Quelle: www.greenpeace.ch)

86 Millionen Tonnen

Plastik schwimmen in unseren Ozeanen. Ohne Gegenmassnahmen werden 2050 gewichtsmässig mehr Plastikteile als Fische im Meer schwimmen.

(Quelle: www.wwf.ch)

Über 5000 Tonnen

Plastik werden in der Schweiz jährlich in die Umwelt freigesetzt. Dabei ist Littering eine der wichtigsten Quellen von Makroplastik in Böden und Seen.

183 000 Tonnen

Treibhausgasausstoss kann dank PET-Recycling in der Schweiz jährlich vermieden werden. Das entspricht dem Ausstoss aller gut 50 000 Personenwagen des Kantons Schaffhausen während eines Jahres.

(Quelle: www.admin.ch)

In über 53 000

Sammelstellen sammelt der Verband PET-Recycling Schweiz über 94 Prozent aller verkauften PET-Flaschen. Wiederum 83 Prozent werden zu R-PET recycelt. 

(Quelle: www.petrecycling.ch)

Etwa 5 Gramm

Mikroplastik nehmen wir über Nahrung, Luft und andere Quellen wöchentlich zu uns. Das entspricht ungefähr dem Gewicht einer Kreditkarte. Weltweit gelangen jedes Jahr 3,2 Millionen Tonnen Mikroplastik in die Umwelt, etwa 1,5 Millionen Tonnen in die Meere.

(Quelle: www.welt.de)

Rund 730 Kilogramm

Müll pro Person produziert die Schweiz. Weltweit liegen nur noch Dänemark, Norwegen, die USA und Neuseeland vor uns. Einwegverpackungen machen etwa einen Drittel dieser Abfälle aus und sind damit ein wichtiger Teil unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft.

(Quelle: Bundesamt für Umwelt)

2 374 400 Tonnen

Sondermüll produzierte die Schweiz 2015. Der grösste Teil davon waren mineralische Abfälle wie zum Beispiel Asphalt (38 Prozent), Behandlungsrückstände aus Filtern und Strassenschächten (36 Prozent) und chemische Abfälle (26 Prozent). 1 834 400 Tonnen des Sondermülls blieben im Inland. Davon wurden je 32 Prozent verbrannt und deponiert, 20 Prozent wiederverwertet und 16 Prozent chemisch behandelt. 540 000 Tonnen Sondermüll exportierte die Schweiz ins Ausland. Der grösste Teil davon wanderte nach Deutschland (260 800 Tonnen) und in die Niederlande (236 400 Tonnen). 1 200 Tonnen gingen in die Tschechische Republik und 12 Tonnen sogar bis nach Südkorea.

(Quelle: www.watson.ch)

Alle 2 Stunden

könnte das derzeit grösste existierende Containerschiff, die 400 Meter lange HMM Algeciras mit einer Ladekapazität von 23 964 20-Fuss-Standardcontainern, laut einer Schätzung der NGO «The World Counts» mit Müll vollgeladen werden. Das entspricht 4380 solcher Schiffe im Jahr.

(Quelle: www.watson.ch)

ZeroWaste Switzerland

Seit seiner Gründung 2015 ist der Verein ZeroWaste Switzerland auf fast 1000 Mitglieder angewachsen. Um der Bevölkerung lokale Lösungen vorzuschlagen und das Umsteigen auf den Zero Waste Lifestyle zu vereinfachen, bietet der Verein praktische Workshops an. In den verschiedenen Regionen, in denen der Verein präsent ist, werden neue Diskussionsräume geschaffen und die Zahl an Initiativen nimmt ununterbrochen zu. Seit 2018 ist ZeroWaste Switzerland als gemeinnützig anerkannter Verein registriert.

www.zerowasteswitzerland.ch