Der Lebensmittel-Selbstbesorger

Nie mehr in den Supermarkt



Von Simone Maria Knittel


Wenzel Gruber bezieht den Grossteil seines Essens regional und hyperlokal aus seiner direkten Umgebung. Dafür hat er sich sein eigenes Netzwerk in der Stadt aufgebaut. 


Auf den ersten Blick ist Wenzel Gruber ein typischer Stadtzürcher: Jung, sympathisch, unterwegs mit einem schicken Fahrrad. Einer von vielen, der das Stadtleben geniesst. Aber etwas passt nicht in dieses Klischee: Wenzel Gruber setzt nämlich seit Jahren keinen Fuss mehr in einen Supermarkt. Am Feierabend kurz in die Migros, Coop oder in den Denner für den Einkauf? Das hat er schon ewig nicht mehr gemacht. «Ich liebe gutes Essen», erzählt er, «und ich möchte immer wissen, woher es kommt.»



Liebe, Lust und Frust als Antrieb


Angefangen hat es mit der Liebe – und dem Studium. Die Familie der damaligen Freundin von Wenzel betrieb einen Bauernhof. Gemüse, Obst, Fleisch standen so im Takt der Saison in der gemeinsamen Wohnung frisch bereit. Und als die Beziehung endete, wollte Wenzel Gruber als Kulinarik-Fan nicht auf gute Grundnahrungsmittel verzichten. Gleichzeitig wurde Wenzel auch während seines ETH-Studiums zum Umweltingenieur bewusst, dass viele Aspekte der Lebensmittelproduktion nicht nachhaltig ausgerichtet sind. In den Medien häuften sich Berichte über Pestizide im Schweizer Trinkwasser und schlimme Zustände in Schlachthöfen. «Ich wollte Verantwortung übernehmen für das Essen, das ich kaufe. Das Geld, das ich ausgebe, soll gute Projekte unterstützen», so Wenzel. Natürlich seien viele Produkte im Supermarkt alles andere als schlecht, schliesslich gibt es Regional- und Biolabels. Doch insgesamt fehlt es ihm schlicht an Transparenz. «Und unter uns: Durch Supermarktgänge irren, Essen suchen und Herkunftsmarken checken? Das hat mich genervt.»



Herr des eigenen Essens


Bei Wenzels Recherchen wurde schnell klar, dass er nicht alleine ist mit seinem Wunsch nach einer autonomeren Lebensmittelversorgung. Gute Projekte gibt es inzwischen zu Hauf: Die einen ziehen nachts durch die Stadt und retten Lebensmittel aus Tonnen. Andere holen ihr Gemüse beim Bauern am Stadtrand. Manche organisieren Vorträge und Podien zum Thema «nachhaltige Ernährung». Wieder andere gründen Garten-Genossenschaften und nehmen den Spaten in die Hand. 


Wenzel Gruber kennt viele dieser Projekte und hat sie selbst ausprobiert. Inzwischen hat er einen eigenen Mix an verschiedenen Quellen für seine Lebensmittel. Am meisten schwärmt er für sein selbstgemachtes Brot, dessen Mehl er in einer alten Haushaltsmühle selbst mahlt. Und natürlich ist da die Geschichte mit dem Treibhaus: Einem Freund fiel auf, dass in Oerlikon ein altes Treibhaus leer stand. Nach Rücksprache mit dem Besitzer durfte er es zu einem fairen Preis mieten. Zur Finanzierung organisieren Wenzel und andere nun einmal im Jahr eine rauschende Party. Durchs Jahr hindurch stehen sie selbst im Treibhaus, pflanzen an, zupfen Unkraut und rätseln, weshalb das eine Kraut spriesst und das andere nicht. «Learning by doing», so Wenzel. 



Quartierdepot statt Quartierladen


Mit seiner WG unterhält Wenzel Gruber auch etwas Garten und einige Hühner. Ergänzt wird die Versorgung durch ein Gemüseabo der nahen Garten-Gemeinschaft. Gut zwei Drittel seiner Lebensmittel stammen somit aus der näheren Umgebung. Vorräte wie Reis, Gewürze oder Kaffee stammen jedoch nicht aus der Schweiz. Deswegen ist Wenzel auch Mitglied in einer Food-Genossenschaft, die diese Produkte in grossen Mengen nach Bio- und Fairtrade-Richtlinien bezieht. Die Einkäufe werden dann in Quartierdepots in die Stadt geliefert und dort von Mitgliedern wie Wenzel verteilt.

Nicht in den Supermarkt gehen, sondern alles selbst beziehen – ist das nicht aufwändig? Wenzel findet es einfach: «Ich habe zwar Einsätze für Treibhaus und Quartierdepot. Aber die restliche Zeit kommt das Essen zu mir: Die Genossenschaften liefern in Depots in unserem Quartier.» Das Grübeln vor den Supermarktregalen fällt weg. Das Kochen im Rhythmus der Saison wird einfacher. Und insgesamt sei das Essen günstiger. «Natürlich sind dann auch krumme Karotten oder verschieden grosse Kartoffeln darunter. Aber was ist daran schlecht?» Natürlich ist er nach wie vor Genussmensch und macht darum auch Ausnahmen. «Ausschliesslich vegan zu leben, würde am Meisten bringen. Und wir ziehen es grundsätzlich durch», so Wenzel. «Aber ich liebe Käse und esse ab und zu auch etwas Fleisch.» Doch auch dieses bezieht er vom Bauernhof von Freunden. 



Tu Gutes und rede darüber


Wenzel sieht sein Engagement realistisch. «Mein Beitrag für die Nachhaltigkeit ist natürlich ein Tropfen auf dem heissen Stein. Aber ich spreche gerne über meinen Lebensstil und inspiriere damit vielleicht andere. Wir sind uns in der Schweiz bewusst, dass wir etwas ändern müssen. Aber oftmals scheitert die Umsetzung.» Auch wenn diese Anliegen ernst sind, bieten viele Projekte für mehr Nachhaltigkeit auch viele Vergnügliches: Den Kontakt und die Gespräche mit anderen Menschen etwa. Man ist vernetzt, kennt sich, kann sich mehr oder weniger engagieren - es geht locker zu und her. Es bleibt die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit und Ernährung immer ein gemeinschaftliches Anliegen sein wird. Wenzel Gruber: «Es geht nur zusammen – gerade auch in der Stadt.»

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